1) Gesamtprojekt
2) Einzelprojekte
2a) Elektropoetologie. Fiktionen der Elektrizität 1740-1870. (Michael Gamper)
2b) Versuche am Rand – Poetik der Peripherie. Die psychiatrische Klinik Waldau und ihre Narrative. (Martina Wernli)
2c) Selbstversuch mit Schreibmaschine.
Autobiographisches Schreiben und die Suche nach neuen Bewusstseinsformen
in den 1970er Jahren. (Jörg Zimmer)
1) Experimentierkunst. Poetologie und Ästhetik des Versuchs in Neuzeit und Moderne
– Kurztext
Der Begriff ‚Experiment‘ ist längst ein gängiger Ausdruck der allgemeinen Rede – dies wohl deshalb, weil er seit dem 17. Jahrhundert ein zunehmend an Bedeutung gewinnendes, bestimmendes Moment der gesellschaftlichen Moderne bezeichnet. Er meint im Diskurs der Massenmedien eine Haltung des Probierens, die Erkundung eines Neuen, das vorgabengeleitete und kontrollierte Vordringen auf ein unbekanntes Gebiet und stellt so, in seiner konstitutiven Verschmelzung von performativen und repräsentativen Verfahren, eines der wichtigsten Instrumente der neuzeitlichen Wissensproduktion dar. Der ‚Versuch‘ als explorative Praxis ist damit ein gleichermaßen vages wie zentrales Verfahren moderner Kultur; es ist daher von großer Wichtigkeit für das Selbstverständnis der Wissensgesellschaft, seine Tragfähigkeit und Bedeutung in neuralgischen Bereichen seines Gebrauchs zu untersuchen.
Dem Experiment als kultureller Tätigkeit und den sich daraus ergebenden Produkten ist das vorliegende Projekt gewidmet. Dabei wird nicht von einem Primat des Versuchs in wissenschaftlichen Praktiken ausgegangen; im Gegenteil ist hier der Materialbestand der Literatur der Ausgangspunkt, von dem aus, in interdisziplinär angelegten Untersuchungen, der ‚Versuch‘ als epistemologische und poetologische Kategorie sowie als kulturgeschichtlicher Materialbestand erschlossen werden soll. Dabei wird, in synchroner wie diachroner Perspektive, nach der Partizipation von Literatur am allgemeinen und spezifizierten Wissen und nach der Bedeutung von Fiktion, Rhetorik und Narrativik für die Wissenschaften gefragt. Es wird damit einem Interesse für die explorative Funktion des Schreibens nachgegangen, das die spezifischen Techniken und Möglichkeiten der Schriftlichkeit, ihre repräsentativen und performativen Qualitäten, in verschiedenen Diskursformen verfolgt. Wissenschaften und Literatur haben dabei beide teil an den Erscheinungsweisen einer disziplinenübergreifenden ‚Experimentierkunst‘.
Drei Aspekte stehen im Zentrum des Projekts: erstens der wechselseitige Austausch zwischen den Wissensformen, zweitens die Weisen der Reflexion von wissenschaftlichen Wissensbeständen durch die Literatur und die Künste, drittens eine spezifische literarische Traditionsbildung des ‚Versuchs‘. Von diesen Beziehungsverhältnissen ausgehend, werden anhand von ausgewählten Konstellationen formen- und gattungsgeschichtliche sowie thematische Konjunkturen untersucht. Es wird also gefragt, wann und wie Lyrik, Roman, Drama oder ‚kleine Formen‘ Affinitäten zu Experimentalkulturen entwickelt haben oder gar selbst zu Experimentalsystemen geworden sind, welche literarischen Ausdrucksmittel dabei welche Funktionen übernommen haben und welche Objekte zu welcher Zeit besonders in den Fokus geraten sind. Dabei sind neben inhaltlichen Problemstellungen, etwa der Materialerschließung und -analyse, immer auch solche theoretischer, methodischer und terminologischer Art zu lösen. Denn im Fokus der Forschung steht das Anliegen, zunächst präziser zu bestimmen, was, in historischer wie in systematisch-funktionaler Hinsicht, das Phänomen des ‚Experiments‘ ausmacht und worin seine Relevanz für das moderne Wissen besteht, um dann auch neue Stoffbestände in innovativer Weise bearbeiten zu können.
Das Forschungsprojekt will so in einem wichtigen Bereich der vor allem im angloamerikanischen Raum etablierten Literature and Science Studies sowohl inhaltliche wie methodische Akzente setzen. Dies wird durch den Umstand begünstigt, dass das Experiment einen wichtigen Indifferenzpunkt von Wissenschaft und Literatur darstellt und deshalb ein strategisch besonders geeigneter Gegenstand ist, um das Verhältnis dieser unterschiedlichen Wissensformen genauer zu bestimmen. Über diesen fachspezifischen Ertrag für die Literaturwissenschaft hinaus soll das Projekt auch dazu beitragen, die kulturelle und historische Valenz der Naturwissenschaften einschätzen und in ein Verhältnis mit anderen Wissensbereichen und -formen setzen zu können.
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2) Einzelprojekte
Elektropoetolgie. Fiktionen der Elektrizität 1740-1870
Michael Gamper [zur Person]
Wie von kaum einem anderen naturwissenschaftlichen Phänomen hat sich das 18. Jahrhundert von der Elektrizität fasziniert gezeigt. Sie war Gelehrten und Laien gleichermaßen ein Gegenstand des Erstaunens und Nachdenkens. Ihre Aufsehen erregenden Experimente machten mit Hilfe von komplexen Vorrichtungen und Instrumenten die Wirkungen einer unsichtbaren Substanz anschaulich, ihre widerspruchsfreie Konzeptualisierung in einem theoretischen Systementwurf aber gelang nicht. So umspielt die performative Evidenz des elektrischen Versuchs eine fundamentale Lücke des Wissens, eine Unkenntnis um die „Natur“ und das „Wesen“ der Elektrizität. Diese epistemologische Lage führt dazu, dass sich die Physik seit Charles Auguste de Coulomb zunehmend auf die experimentell erzeugten Tatsachen und deren mathematische Beschreibung konzentrierte. Einer spekulativen „Electrologie“, wie sie Novalis im „Allgemeinen Brouillon“ entwickelt hat, kommt deshalb eine wissenshistorisch wichtige Funktion zu. Denn die „Electrologie“ funktionalisiert die Kenntnisse über die Elektrizität in neuer Weise für ein umfassenderes Wissensfeld – zunächst für die „gesammte Naturwissenschaft“, dann aber auch für alle anderen Bereiche der romantischen Enzyklopädistik. In diesem Unternehmen kommt der Literatur, ihren sprachlichen und fiktionalen Darstellungsqualitäten, eine wichtige Rolle zu, wie an Texten von Lichtenberg, Novalis, Johann Wilhelm Ritter, Heinrich von Kleist, Achim von Arnim, E.T.A. Hoffmann zeigen lässt.
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"Schreiben am Rand. Die ‚kantonale Irrenanstalt Waldau‘ und ihre Narrative (1895-1936)"
Dissertationsprojekt von Martina Wernli [zur Person]
Die Studie beschäftigt sich mit ausgewählten Texten aus der Bernischen kantonalen Irrenanstalt Waldau zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Arbeit an diesen Texten orientiert sich an den Fragen, was in einer bestimmten Klinik, der Waldau, zu dieser Zeit, wie an diesem spezifischen Ort geschrieben wird, wer unter welchen Bedingungen schreibt und worüber und weshalb. Mit Anklang an die lateinische Wurzel textus, also >Gewebe< oder >Geflecht<, werden ganz unterschiedliche Arten von Texten und sprachliche Verflechtungen mit Blick auf ihren Inhalt und ihre Form betrachtet. Sie bilden zusammen ein buntes Gewirk, worin der >Schreib-Ort Waldau< ersichtlich wird.
Diese plurilaterale Betrachtung des Schreib-Ortes konzentriert sich auf den Zeitraum zwischen 1895 und 1936: 1895 wird Adolf Wölfli (1864–1930) zur Untersuchung in die Waldau eingeliefert, 1936 verlässt Friedrich Glauser (1896–1938) diesen Ort. Die Wahl eines Anfang- und Endpunktes orientiert sich damit am Lebenslauf berühmter Patienten einer psychiatrischen Institution, die Mitte des 19. Jahrhunderts eine der ersten der Schweiz war. Die untersuchten Texte stammen aber auch von unbekannten Patienten. Exemplarisch werden Krankenakten und darin enthaltene Dokumente wie Briefe oder Gutachten auf ihr Wissen über den Ort Waldau hin untersucht. Dabei folgt die Analyse einerseits den verschriftlichten Spuren des Produktionsortes Waldau mit seinen spezifischen materiellen und gesellschaftspolitischen Bedingungen, andererseits den thematischen Auseinandersetzungen mit dem Ort Waldau als Anstalt.
                                     
Selbstversuch mit Schreibmaschine
Autobiographisches Schreiben und die Suche nach neuen Bewusstseinsformen
in den 1970er Jahren
Dissertationsprojekt von Jörg Zimmer [zur Person]
Das Dissertationsprojekt untersucht die deutschsprachige Literatur in einer historischen Konstellation, die an Anregungen ebenso reich war wie an Krisenmomenten: Nach dem politischen Scheitern der 68er Bewegung, jedoch immer noch unter dem Einfluss der Neo-Avantgarden und der neuen Medientheorien, entwickelte sich im deutschen Sprachraum in den frühen 1970er Jahren, auch in Reaktion auf die lautstark geführte Diskussion um den „Tod der Literatur“, eine besondere Form des „autobiographischen Schreibens“: Es richtete sich zum einen gegen die klassische „Autobiographie“, die radikal abgelehnt wurde, zum anderen aber auch gegen den politischen Aktionismus der Studentenbewegung – und machte sich auf die Suche nach neuen Bewusstseinsformen.
Die Dissertation will diese eigenwillige Form der Literatur diskursanalytisch in Beziehung setzen mit den vorausgehenden Diskursen um die Neo-Avantgarden („Situationistische Internationale“; amerikanische „Underground“-Literatur), die kulturrevolutionäre 68er Bewegung sowie die immer tiefer in den Alltag eingreifenden neuen technischen Medien. Das Textfeld wird dabei repräsentiert durch ein Korpus von vier ausgewählten Texten: Bernward Vespers unvollendeter „Romanessay“ Die Reise (1977 postum veröffentlicht), Rolf Dieter Brinkmanns Collagen-Buch Rom, Blicke (1979 postum veröffentlicht), Hubert Fichtes „Roman“ Versuch über die Pubertät (1974) und Verena Stefans Textsammlung Häutungen. Autobiographische Aufzeichnungen, Gedichte, Träume, Analysen (1975).
Aus mehreren thematischen Querschnitten soll die Dissertation entwickelt werden. Methodische Leitbegriffe stellen dabei ein auf die Untersuchung von „Experimentalsystemen“ in der aktuellen Wissenschaftsforschung bezogener Begriff des „Selbstversuchs“ – sowie der 1991 von Rüdiger Campe geprägte und seit 2001 von Martin Stingelin weiterentwickelte Begriff der „Schreibszene“ dar. Die somit programmatische Konzentration auf die Performativität des autobiographischen Schreibens soll es ermöglichen, die Texte in ihrem Entstehungsprozess als eine spezifisch literarische Form des „Versuchs“ beschreibbar zu machen und die besonderen Formen des „Wissens“ zu diskutieren, die in der literarischen Arbeit hervorgebracht werden.
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